
Stimmt es, dass jeder sich seine eigene Realität „denkt“?
Drei Beispiele.
Ein und derselbe Urlaub?
Nach einem Urlaub trifft sich das Paar mit einigen Freunden zu einem guten Abendessen und dem leckeren Wein, den die beiden aus der Toskana mitbrachten. Er schwärmt davon, dass das Hotel von unzähligen Weinbergen umgeben sei, während sie behauptet, es wären doch nur ein paar Hänge gewesen, denn es habe dort weitaus mehr Olivenbäume gegeben. Für ihn war Florenz die absolut sehenswerteste Stadt, während sie sagt, Sienna sei viel schöner und lebendiger gewesen. Obwohl beide denselben Urlaub verlebten, sahen und empfanden sie ihre Ferien unterschiedlich.

Quelle: Wikipedia
Ein Gorilla läuft durchs Bild – ein Experiment
In einem Videoclip zeigt man einer Versuchsgruppe drei Ballspieler. Die Versuchspersonen sollen zählen, wie viele Ballwechsel zwischen den Spielern stattfinden. Während die Probanden das Video ansehen, läuft – nur für Sekunden sichtbar – eine als Gorilla verkleidete Person durchs Bild. Am Ende werden die Versuchsteilnehmer gefragt, ob ihnen etwas aufgefallen sei. Es stellt sich heraus, dass es Teilnehmer gab, die den Gorilla gesehen hatten, während andere Probanden nichts weiter bemerkten – der Gorilla für sie also unsichtbar blieb. (Quelle)
Ureinwohner blind für große Segelschiffe

Quelle: Wikipedia
Diese Beispiele zeigen, dass jeder Mensch gemäß seiner Erfahrungen (Prägung, Sozialisation, Sinneswahrnehmung usw.) in seinem eigenen Konstrukt von Wirklichkeit lebt. Manches, das in unserer eigenen Erfahrungswelt noch nie vorgekommen ist oder was wir nicht erwarten zu sehen, nehmen wir nicht wahr, obwohl es sich objektiv vor unseren Augen befindet. Der „Konstruktivismus“ ist eine Sichtweise, die befreiend wirkt – besonders, wenn man sich mit einem Konflikt, zum Beispiel einer Trennung, herumquält.
Getrennte Paare, die diese Sichtweise für sich entdecken, finden heraus, dass das Ende einer Beziehung sowohl für den einen als auch für den anderen Partner jeweils sehr gute Gründe hatte, die sich paradoxerweise vollkommen voneinander unterscheiden. Dies hilft dabei, den anderen besser zu verstehen und die Schuldfrage außer Acht zu lassen.
Denken Sie außerdem an ein Familien- oder Schulereignis, eine Begebenheit aus Ihrer Kindheit und fragen Sie sich, wie Sie diese erlebt haben. Dann fragen Sie die anderen: ihre Mutter, Ihre Geschwister, einen Freund oder eine Freundin. Mit Sicherheit hat jeder eine andere Geschichte zum selben Erlebnis zu erzählen. Ein weiteres Phänomen ist, dass oft erzählte Geschichten aus der Vergangenheit sich mit der Zeit verändern oder bestimmte Aspekte sich positiv oder negativ manifestieren. Je nachdem, welche Überzeugungen der Erzähler aus ihnen gewinnt. Er konstruiert sich dadurch beispielsweise einen Teil seiner gegenwärtigen Identität.
Im Prozess der systemischen Beratung kann die konstruktivistische Betrachtungsweise dabei helfen, ungewohnte Perspektiven einzunehmen, Vergangenes neu zu schreiben, negative Erlebnisse positiv umzudeuten.
Literaturhinweise:
Leseprobe – Carl-Auer-Verlag
Einführung in Systemtheorie und Konstruktivismus
Die erfundene Wirklichkeit: Wie wissen wir, was wir zu wissen glauben?
Beiträge zum Konstruktivismus
Herausgegeben und kommentiert von Paul Watzlawick
Video: